Was sagt die Inzidenz aus?

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Ein Video des Lehramtsstudenten Patrick Schönherr macht seit einiger Zeit die Runde und hat schon für recht viel Gesprächsstoff gesorgt. In diesem Video behauptet er, dass die Inzidenzen in verschiedenen Landkreise nicht vergleichbar sind und man sie deshalb neu berechnen muss (zu den Details gleich mehr). Als Resultat erhält er für einige Landkreise eine deutlich niedrigere Inzidenz. Auch schon etliche Medien und Blogger haben das Video aufgegriffen und darüber berichtet. Einige nutzen es gerne als Vorlage zur Kritik an der Regierung bzw. zur Bestätigung ihrer eigenen Meinung. In diesem Artikel möchte ich mal näher auf die Inzidenz und ihre Berechnung sowie Alternativen eingehen.

Wie wird die Inzidenz berechnet?

Im Prinzip ist die Antwort relativ einfach: Alle positiv getestet werden in einem Zeitraum, z.B. 7 Tage, addiert und dann auf Fallzahlen pro 100.000 Einwohner umgerechnet. Diese Umrechnung oder auch Normierung genannt hilft, dass man verschiedenen Regionen miteinander vergleichen kann. Es mach nämlich einen ziemlichen Unterschied ob man 1.000 Fälle in einer dünn besiedelten Region hat oder in einer Großstadt. Durch Normierung werden die Zahlen vergleichbar, zumindest theoretisch.

Die Probleme mit der Inzidenz

Möchte ich zwei Regionen, z.B. Landkreise oder Bundesländer, vergleichen wird meistens die Inzidenz herangezogen. Selbst Vergleiche zwischen Ländern und eine entsprechende Bewertung des Krisenmanagement werden damit angestellt. Aber geht das so einfach? Nein eigentlich nicht. Die Anzahl der positiv getestet hängt nämlich nicht nur von der tatsächlichen Anzahl der Infizierten ab, sondern auch von der Teststrategie. Je mehr Infiziert ohne Symptome von der Strategie entdeckt werden, desto höher ist auch die Inzidenz. Die Grenze für die Inzidenz ist die wahre Verbreitung des Virus, die aber niemand kennt. Eine gute Strategie kann also kurzfristig die Zahlen nach oben treiben, da sie viele Infizierte ohne Symptome erkennt und der wahren Zahl recht nahe kommt. Mittelfristig sollte das dann eigentlich für sinkende Infektionszahlen sorgen.

Noch schwieriger ist der Vergleich zwischen Ländern. Hier spielt nämlich nicht nur die Teststrategie eine Rolle, sondern auch der Zugang zu medizinischer Versorgung und eben diesen Tests. Sind die Barrieren hoch, z.B. weil die Tests nicht kostenlos sind oder nur schwer zu bekommen, dann werden viele, auch mit Symptomen, ungetestet bleiben und dementsprechend auch nicht in der Statistik auftauchen.

Ein weiterer Punkt, der mit zunehmender Dauer der Pandemie wohl auch relevant wird, ist, dass sich viele gar nicht mehr Testen lassen wollen, selbst wenn sie leichte Symptome haben. Hier wäre mal eine Studie gut, die diesen Anteil quantifiziert.

Die Idee mit der Normierung

In dem Eingangs erwähnten Video schlägt nun Patrick Schönherr vor, dass man die Anzahl der durchgeführten Tests mit in die Berechnung der Inzidenz mit einbeziehen muss, sie also auch bezüglich dieser Größe normieren sollte. Dadurch würden dann auch Regionen mit unterschiedlicher Testhäufigkeit vergleichbar. Der Grundgedanke der dahinter steht ist der, dass viele davon ausgehen, dass durch mehr Tests auch die Inzidenz steigt. So nach dem Motto “Testet weniger, dann ist das Problem nicht so schlimm”.

Die Idee mit der Normierung ist gut, aber sie funktioniert nur dann, wenn zufällige Stichproben getestet werden, bzw. alle Einflussgrößen bekannt sind. Ansonsten hat die Teststrategie auch wieder einen großen Einfluss auf das Ergebnis. Sorge ich z.B. mit meiner Teststrategie dafür, dass ich in meiner Region wenig negativ getestete habe, würde die Inzidenz niedriger sein als in einer Region, in der viel und eben auch viele negativ getestet werden.

Ein weiteres Problem dürfte außerdem noch sein, dass es keinen linearen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Tests und Anzahl der positiven Resultate gibt. Je näher man der wahren Zahl der Infizierten kommt, desto geringer wird der Anstieg der positiv Getesteten sein.

Der Weg zu vergleichbaren Zahlen

Wie könnte ich nun also das wahre Infektionsgeschehen abbilden und vergleichbare Zahlen erhalten. Nun die einfachste Möglichkeit ist, jede Woche eine zufällige Stichprobe der Bevölkerung zu testen. Die positiven Testungen könnten anschließend wieder auf Infektionen pro 100.000 Einwohner normiert werden. Diese Zahlen wären vergleichbar und würden recht gut das Infektionsgeschehen abbilden. Anhand dieser Zahlen könnte man dann auch entsprechende Maßnahmen beschließen.

Konkret würde das so ablaufen, dass man eine zufällige Stichprobe auswählt und diese Testet. Die Stichprobe umfasst nur Menschen, die keine Symptome haben. Als Ergebnis erhält man das Infektionsgeschehen ohne Symptome. Dies kann man dann auf alle Menschen in einer Region hochrechnen. Zusammen mit den restlichen positiv getesteten erhält man dann eine gute Sicht auf die Infektionszahlen.

Mit dieser Zahl könnte man dann auch Politik betreiben. Und mehr noch, wenn man noch ein paar mehr Daten erhebt, würden sich vielleicht auch Muster ergeben, welche Bevölkerungsgruppen besonders betroffen sind und wo die Ansteckungsorte sind. Etwas frustrierend ist nur, dass unseren Politikern nichts als Lockdown einfällt.

Ein Kommentar

  1. Danke fürs Schreiben über Inzidenz. Jetzt kann ich mit dem Begriff was anfangen. Der Artikel ist auch sehr spannend aufgebaut. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg.

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