Warum du nicht nach Reichtum streben solltest – Eine Replik

Aber möchte nicht jeder reich sein? – Das wirst du dich jetzt sicher fragen. Die meisten Menschen vielleicht, aber sollte man wirklich danach “streben”? Auf dem Blog “Finanziell fit” erschien vor ein paar Tagen der Artikel “Warum es gut ist, nach Reichtum zu streben“. Der Autor gibt fünf Gründe an, warum man nach (materiellen) Reichtum streben sollte. Ich hatte mir im Vorfeld dieses Artikels schon ein paar Gedanken zu diesem Thema gemacht und bin zu anderen Schlüssen gekommen, wie der Autor des besagten Artikels.

Zunächst möchte ich aber ein paar grundsätzliche Definitionen vornehmen.

Definitionen

Wann beginnt Reichtum?

Wenn es nach der Wissenschaft geht, gilt derjenige als reich, der mehr als 3.600€ Nettoeinkommen im Monat zur Verfügung hat (Single). Beim Vermögen gibt es (meines Wissens nach) keine entsprechende Definition. Das durchschnittliche Vermögen in Deutschland beträgt ca. 60.400€ (Median). Besitzt jemand mehr als 722.000€ gehört er zu den reichsten 5% der Bevölkerung. Hier spielen aber auch noch Vermögenswerte wie Immobilien ein Rolle. Ab welchem Vermögen ist man also reich?

Auch dürfte das Subjektive empfinden von Reichtum sehr unterschiedlich sein. Fühle ich mich schon mit 10.000€ reich oder erst mit 1.000.000€? Die Beantwortung der Frage dürfte sehr stark von dem kulturellen und sozialen Hintergrund abhängen.

Wikipedia definiert Reichtum so:

Reichtum bezeichnet den Überfluss an gegenständlichen oder geistigen Werten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Reichtum

Nach dieser Definition gilt also jemand als reich, wenn er mehr Vermögen besitzt, als er zum Leben benötigt. Man denkt da sofort an die Milliardäre, die mehr Geld besitzen wie sie in ihrem Leben jemals ausgeben können. Aber auch schon bei niedrigeren Beträgen dürfte dieses Phänomen auftreten.

Vom Streben nach Glück

Der Duden definiert “streben” folgendermaßen

sich sehr, mit aller Kraft, unbeirrt um etwas bemühen; danach trachten, etwas Bestimmtes zu erreichen

https://www.duden.de/rechtschreibung/streben

Wenn ich also nach etwas strebe, dann setze ich alle meine Kraft daran, dass Ziel zu erreichen. Ich stelle auch andere Dinge hinten an, um eben dieses Ziel erreichen zu können. Streben ist somit mehr als “möchten” oder “wollen”. Wenn ich nach etwas im Leben strebe, dann müssen sich andere Sachen dahinter anstellen. Ich möchte es unbedingt erreichen.

Warum nicht nach Reichtum streben?

Wie wir gesehen haben, heißt nach “Reichtum streben”, mit aller Kraft und Zeit sich für dieses Ziel einzusetzen und dafür auch andere Dinge zurück zu stellen. Und gerade da sehe ich den Hauptknackpunkt: Für mich gibt es im Leben wichtigeres als Geld und Reichtum. Meine Familie, mein Glaube, meine Freunde – um nur einiges zu nennen. Aus Geldsicht wäre es besser, wenn ich mich weniger um meinen Sohn kümmern und keine Elternzeit nehmen würde und dafür länger und mehr arbeiten würde. Aber wäre ich dabei glücklicher? Ist es nicht ein größeres Glück die ersten Schritte, das erste Wort etc. des Kindes mit zu erleben?

Außerdem sollte man sich darüber klar sein, dass die Chance wirklich reich zu werden, sehr gering ist. Hoher Einsatz, viel Zeit und Kraft sowie eine gute Bildung sind notwendig aber nicht hinreichend. Möchte ich wirklich nach etwas streben, dass ich nur mit einer geringen Wahrscheinlichkeit erreichen kann und dafür viele Opfer bringen? Wenn ich es dann nicht schaffe, habe ich mein Leben Haschen nach Wind verbracht.

Und selbst wenn man es schaffen sollte, was bleibt letztlich vom Vermögen übrig? Eine Währungsreform später ist davon eventuell nichts mehr da. Da zerplatzt auch die Hoffnung, dass man das Vermögen ja vererben kann. Letztlich wird Reichtum allein auch nicht glücklich machen. Studien haben klar gezeigt, dass ein mehr an Vermögen und Einkommen nur bis zu einer gewissen Grenze auch eine erhöhte Zufriedenheit zur Folge hat.

Auswirkungen von Reichtum

Meiner Beobachtung nach, werden die Sorgen mit zunehmenden Vermögen auch nicht kleiner. Dies hoffen nur Menschen, die nach Vermögen trachten. Die Sorgen verlagern sich nur. Weniger existenzielle Sorgen, dafür mehr Sorgen um Besitzwahrung und -mehrung. Auch müssen die im Artikel angesprochenen Angestellten gemanaged und überwacht sowie das Ansehen in der Per-Group aufrechterhalten werden. Dies alles erzeugt Stress.

Ein weiterer Stressor ist, dass selbst langjährige Freundschaften unter Reichtum leiden können. Je mehr Reichtum, desto einsamer wird es. Dies mag zwar nicht auf alle zutreffen, in der Tendenz aber schon. “No free lunch” ist ein beliebter Spruch. Dieser gilt auch beim Streben nach Reichtum. Was bist du bereit zu bezahlen?

Was bleibt von den fünf Gründen?

In dem Artikel von “Finanziell fit” werden fünf Gründe angegeben, warum wir nach Reichtum streben sollen. Ich möchte kurz auf die einzelnen Gründe eingehen.

Grund #1: Mehr Gesundheit und Sorglosigkeit

Die körperliche Gesundheit und die Lebensdauer korreliert mit dem Vermögen. Allerdings konnte in großangelegten Studien festgestellt werden, dass Menschen in den reichen Ländern durch die Bank weg häufiger unter psychischen Störungen leiden. Reichtum hat gesundheitlich gesehen also nicht nur Vorteile.

Wie schon weiter oben erwähnt, wird das Leben auch nicht notwendiger Weise sorgloser, man macht sich nur um andere Dinge Sorgen.

Grund #2: Mehr Freiheit

Stimmt, Reichtum bring mehr Freiheiten. Zumindest bei allem was mit Geld gekauft werden kann. Laut unserem Grundgesetz verpflichtet Eigentum aber auch, was die Freiheit zumindest in der Theorie schon wieder etwas einschränkt.

Grund #3: Mehr Zeit

Hier wird es dann schon interessant. Was ist der qualitative Gewinn wenn ich statt einem Job, den ich wirklich gerne mache, einem Hobby nachgehe? Sicher, die Freiheit es nicht machen zu müssen. Aber sonst? Ich denke es ist wichtiger wie ich meine Zeit nutze und ob ich ein gutes Zeitmanagement habe. Sachen die einem Freunde bereiten, machen glücklich, egal ob man dafür Geld bekommt oder es nur ein Hobby ist.

Ein zweiter Aspekt ist das Boreout-Syndrom. Es bezeichnet die Unterforderung von Menschen, die daraufhin ähnliche Symptome wie bei einem Burnout entwickeln. Ich denke das ist dann auch der Grund, dass selbst Menschen, die nichts mehr Arbeiten müssten, dann doch wieder einer Beschäftigung nachgehen.

Grund #4: Mehr Unterstützungsmöglichkeiten

Klar, wer mehr Geld hat, hat auch größere Möglichkeiten bedürftige Menschen zu unterstützen. Zumindest in der Theorie. Ob er diese Möglichkeit in der Praxis auch nutzt, steht auf einem anderen Blatt. Dazu musst du aber nicht reich sein. Schon mit 10% deiner aktuellen Einnahmen kannst du viel Gutes tun. Und du kannst heute damit beginnen…

Grund #5: Mehr Einfluss

Dies mag aus Sicht des Einzelnen sicherlich gut sein, aber aus Sicht der Demokratie ist es katastrophal. Eine Plutokratie wird nicht dafür sorgen, dass es den Menschen insgesamt besser geht, sondern wird Verhältnisse verfestigen und Privilegien ausbauen. Der Schritt hin zu einer Oligarchie ist dann auch nicht mehr weit. Einfluss sollte mit Kompetenz korrelieren (auch wenn mir bewusst ist, dass dies in unserer Demokratie auch nicht mehr vollumfänglich so ist).

Wonach du streben solltest

“Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.” – Dieser Spruch aus der Bibel bringt es meiner Meinung nach auf den Punkt. Strebe danach, dass du ein sinnerfülltes Leben führst. Ein Leben, welches mehr als Geld zurück lässt. Man erinnert sich meistens nicht an die materiell reichen Menschen, sondern an die geistig und geistlich reichen. Selbst wenn du kein Christ bist, stellt sich schon die Frage, was von deinem Leben übrig bleibt und auf was du zurück blicken kannst, wenn du alt geworden bist. Auf ein Leben, welches vom Streben nach Reichtum geprägt ist?

Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, ist Geld ein Mittel zum Zweck und solange ich im Kapitalismus leben, muss ich mich damit auseinander setzen. Geld ist nötig und wichtig – aber eben nicht alles.

Dies soll jetzt keine Ausrede sein, sich nicht um die eigenen Finanzen zu kümmern, sondern soll vielmehr zum Nachdenken über die eigenen Prioritäten im Leben anregen.

Ein Kommentar

  1. Guter Artikel! Viele Leute befinden sich wie in einem Rausch, wenn sie einmal den Entschluss gefasst haben, das Geld das Wichtigste ist. Egal was man bekommen will, es fordert irgendwo anders seinen Tribut.

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