Recht auf Krachmachen – Wo endet die Freiheit der Motorradfahrer?

74 dB(A) – so laut darf ein KFZ im Straßenverkehr sein. Motorräder dürfen im Testzyklus 80 dB(A) erreichen. Auf der Straße unter realen Bedingungen sind aber bis zu 100 dB(A) wohl keine Seltenheit. Wenn solche Motorräder dann noch in Innenstädten unterwegs sind, ist der Unmut bei der Bevölkerung vorprogrammiert. Deshalb finde ich die Initiative des Bundesrates eigentlich gut, die die Verhängung von streckenspezifischen Fahrverboten an Sonn- und Feiertagen erleichtern möchte. So könnten Kommunen auf besonders belasteten Straßen und in Innenstädten Fahrverbote verhängen. Die lärmgeplagte Bevölkerung würde es ihnen danken.

Motorradverbände sprechen hingegen von Diskriminierung der Motorradfahrer und organisieren Demos gegen die drohenden Fahrverbote. Heute hatte ich das “Glück” an der Strecke einer solchen Demo zu sein. Ca. 1.000 Motorräder sind an mir vorbeigefahren und haben eindrücklich gezeigt, warum es ein solches Fahrverbot und eine Absenkung der zulässigen Dezibelgrenze braucht. Manch ein Motorradfahrer hat im Ort noch mal richtig Gas gegeben, sodass es maximal laut war. Wenn es noch Argumente für die Bundesratsinitiative gebraucht hätte, dann haben sie diese Demoteilnehmer geliefert.

Letztlich geht es bei der ganzen Diskussion aber um eine grundsätzliche Sache: Wie sehr sollte und darf man andere stören? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Lärm von Nachbarn zu einer großen Belastung werden kann. Genauso kann Straßenlärm zu einer großen Belastung für die Anwohner werden. Letztlich folgt dann immer der Ruf nach dem Staat, der durch Gesetze für Frieden sorgen soll. Einfacher wäre es natürlich, wenn die Menschen aufeinander Rücksicht nehmen würden. Wir würden die Diskussion über zu laute Motorräder in Innenstädten nicht führen, wenn sich die Motorradfahrer nicht so verhalten würden, wie sie sich verhalten (Motorrad im Stand laufen lassen; extra Gas geben, damit alle einen hören etc.). Viel Ärger würde vermieden werden, wenn die Musik nach 22 Uhr eben nicht mehr auf volle Lautstärke aufgedreht werden würde. Wäre unser Land nicht viel schöner, wenn alle beherzigen würden, dass die Freiheit des Einzelnen da endet, wo die Freiheit des anderen beginnt?

Weder bei Motorradfahrern noch bei feierwilligen Nachbarn scheint dies aus reiner Einsicht zu funktionieren. Beide Parteien brauchen Gesetze, die sie zur Rücksichtnahme zwingen. Aber warum eigentlich? Warum könnte nicht eine Initiative von den Motorradverbänden kommen, die eine Reduzierung des Lärms zu Ziel hat? Das wäre doch mal ein Zeichen, wenn die Verursacher des Lärms selbst Vorschläge bringen, wie das Problem gelöst werden und ein Interessensausgleich stattfinden könnte. Stattdessen fahren sie mit 1.000 Motorrädern auf einer Demo und zeigen nur, wie herzlich egal ihnen die anderen Menschen sind.

Ein Kommentar

  1. Sehr guter Kommentar zum ewigwährenden Problem mit (unnötigem) Lärm durch motorisierte Verkehrmittel (es sind ja nicht nur die Motorräder die deutlich zu laut sind) und zu Unzeiten (bspw. währen der Nachtruhe). Als leidgeprüfter Nachbar eines Autofetischisten, der ein Faible für besonders laut brüllende Porsche hat und sich gerne proletenhaft vor Anderen produziert (bspw. durch langes Laufenlassen des Motors, mehrmaliges Starten des Motors, “Runden drehen” durch das Dorf), des Nachts laut labernden Leuten auf der Straße vor meinem Schlafzimmer oder gerne auch grölenden, sturzbesoffenen “Feiernden”, spricht mir der Kommentar aus der Seele.
    Es gibt kein Recht auf Lärm. Wer meint, sein Motorrad oder PKW, muß laut sein (weil es sonst keinen Spaß macht), hat nicht mehr alle Latten am Zaun und sollte auf Tretroller umsteigen.

    Wir brauchen dringend deutlich schärfere Grenzwerte für den Schalldruck von Verkehrsmitteln und die müssen unter realistischen Bedingungen eingehalten werden, notfalls mit Abregelung der Leistung bzw. Drehzahl! Und da auf allen Demos gegen solche Einschränkungen stets eindrücklich gezeigt wird, wie nötig diese Einschränkungen sind, gibt es auch keine Ausreden mehr. Diejenigen, die dort demonstrieren, fordern harte Gesetze und Grenzwerte geradezu heraus.

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