Mausgerutscht oder mein Favorit für den schlechtesten Artikel des Jahres

Frauen Haushalt Reinigung

Es gibt immer wieder Momente im Leben, da klickt man auf etwas obwohl man es besser gelassen hätte. Der ein oder andere AfD-Politiker hat diese Erfahrung auch schon gemacht. Mir ging es heute auch so. Nichts ahnend bin ich auf zeit-online unterwegs. Da springt mir ein Artikel in Auge: “Warum Frauen 4,5 Stunden am Tag arbeiten, ohne Geld dafür zu bekommen“. Oh interessant denke ich mir und klicke auf den Artikel – das war meine erster Fehler. Was ich nämlich übersehen hatte war, dass der Artikel von ze.tt ist. Das ist das “Jugendmagazin” von zeit-online. Oder wie sie selbst über sich sagen “Das Online-Magazin für Geschichten, Ideen und Gefühle”. Normalerweise lese ich keine Artikel von denen, da die Bildzeitung im Vergleich noch seriöser ist. Das ich den Artikel nicht gleich geschlossen habe, war dann mein zweiter Fehler.

Im Prinzip beschweren die Autorinnen sich darüber, dass Frauen mehr unbezahlte Arbeit leisten wie Männer. Unbezahlte Arbeit ist alles außerhalb der eigentlichen Erwerbstätigkeit (Haushalt, Ehrenamt, Pflege etc.). Die in der Überschrift verkündeten 4,5 Stunden der unbezahlten Arbeiten beziehen sich auf die ganze Welt (wobei hier die Datenerhebung eher schwierig sein dürfte), in Deutschland sind es nur 3,5 Stunden. Männer arbeiten dagegen nur 2 Stunden pro Tag unbezahlt. Was allerdings unerwähnt bleibt ist, dass

die Gesamtarbeitszeit von erwerbstätigen Frauen und Männern [fällt] ähnlich hoch aus – die Frauen arbeiten im Schnitt täglich 7:44 Stunden, die Männer 7:40 Stunden.

https://www.boeckler.de/108549_108559.htm#

Wir halten also fest, dass Männer und Frauen ungefähr gleich viel pro Tag arbeiten. Interessant wird es dann, wenn man in der Studie mal weiter liest. Dort entdeckt man zum Beispiel, dass erwerbstätige Vater mit Kindern unter 6 Jahren täglich 9:11 Stunden arbeiten (davon 3:08 Stunden unbezahlt). Mütter hingegen 8:48 Stunden (6:08 unbezahlt). Ihr seht also, es ist nicht alles so schwarz-weiß wie es der Artikel euch erzählen möchte.

Interessant fand ich auch den folgenden Satz in dem Artikel:

Unbezahlte Arbeit kostet nicht nur viel Zeit und Kraft, sondern sie verringert auch den Rentenanspruch.

Das ist natürlich Blödsinn. Unbezahlte Arbeit verringert nicht den Anspruch, sondern sie erhöht den Anspruch nur nicht. Ist zwar auch nicht schön, aber so ist der Satz einfach falsch. Außerdem gibt es für Erziehungszeiten durchaus auch Rentenpunkte. Der Satz ist in sofern auch ein gutes Beispiel für den Artikel, da er schön aufzeigt, warum dieser Artikel einfach nur schlecht ist. Eine falsche Aussage wird einfach ohne Begründung in den Raum geworfen und es erfolgt keine differenzierte Betrachtung des Sachverhalts. Zum Beispiel könnte man hier konkrete Vorschläge machen, wie Kindererziehungszeiten und Pflege von Angehörigen bei der zukünftigen Rente besser berücksichtigt werden können. Oder man könnte darüber diskutieren, ob eine Ausweitung der Elterngeldanspruchszeit auf 36 Monate ein Weg wäre. Hier gibt es viele Ideen, der Artikel liefert dazu aber nur eine falsche Behauptung.

Aber kommen wir nochmal zur Überschrift zurück. Hier wird versprochen, dass wir über das “Warum” aufgeklärt werden. Allerdings werden wir über das “Warum” gar nicht aufgeklärt. Im Prinzip geht es nur um eine verkürzte und undifferenzierte Darstellung der Datenlage. Noch schlimmer wird es im Video. Ausgehend von dieser selektiv vorgenommenen Datenauswahl, wird ein verzerrtes Bild gezeichnet: “Die Männer sind faule Säcke und die Frauen müssen alles machen und sie um mithilfe anbetteln”. Lustig ist auch, dass das was sie im Video u.a. anprangern, nämlich das unbezahlte Arbeit weniger wertgeschätzt wird, sie genau mit diesem Artikel und ihren Forderungen machen. Sie sagen doch, dass bezahlte Arbeit mehr Wert ist und die Kinder deshalb in die Kita und der Opa ins Pflegeheim gehört.

Im Prinzip geht es in dem Artikel aber darum, einen ganz speziellen Lebensentwurf zu favorisieren und zu pushen: Beide Partner gehen Vollzeit Arbeiten und die Kinder werden (möglichst früh) in der Kita erzogen und betreut. Warum überlässt man diese Entscheidung eigentlich nicht den Paaren? Offensichtlich funktioniert die Aufteilung doch ganz gut, statistisch gesehen arbeiten beide Partner doch gleich viel. Was mich auch immer nervt ist, dass hier nie vom Haushaltseinkommen geredet wird. “Männer bekommen so viel Geld, Frauen soviel: Das ist ungerecht!” – so ist der Tenor. In der Realität bestimmt aber das Haushaltseinkommen was sich eine Familie leisten kann und wie gut es ihr geht. Dieses ewige Ausspielen von Frauen und Männern nervt einfach nur. Ich empfinde es als ein Privileg, dass sich meine Frau Vollzeit um unseren Sohn kümmern kann. Sie überings auch. Wir und viele andere Paare, haben sich bewusst für diese Aufteilung entschieden. Warum wird so dagegen Stimmung gemacht?

Wenn es eine goldene Himbeere für Artikel gebe, müsste der Artikel auf ze.tt diesen Preis bekommen. So und ich bringe jetzt erst mal den Müll runter…

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