Gleichberechtigung, Gleichstellung und Chancengleichheit – oder was auch immer

Schlechte Nachrichten für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen:

Bei dem aktuellen Reformtempo würden noch 217 Jahre vergehen, bis Männer und Frauen überall auf der Welt die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten.

Hintergrund ist der Gender Gap Report 2017 des Weltwirtschaftsforums. Dort werden Länder bewertet wie weit die Gleichstellung fortgeschritten ist. Oder doch die Gleichberechtigung oder die Chancengleichheit? Das ist nämlich schon das erste Problem an dem verlinkten Artikel von zeit-online. Diese drei Begriffe werden hier als Synonyme verwendet. So ist dann nicht klar, was der Report eigentlich wiedergibt. Gleichberechtigung heißt nämlich, dass beide Geschlechter die selben Rechte haben (Wahlrecht, freie Berufswahl etc.). Chancengleichheit hingegen zielt darauf ab, dass beide Geschlechter die gleichen Chancen haben, zum Beispiel beim Zugang zu Bildung. Bei der Gleichstellung geht es um eine zahlenmäßige Angleichung beider Geschlechter in relevanten (und meist beliebig herausgegriffenen) Bereichen (Führungspositionen, Politik etc.).

Wenn man aber nachschaut, was im Bericht so untersucht wird, dann geht es dort nur um Gleichstellung (z.B. Geschlechterverhältnis im Parlament, bei Absolventen und Abiturienten). Im Prinzip werden nur absolute Zahlen verglichen und das Verhältnis ausgerechnet. Ist das Verhältnis kleiner als 1 dann sind Frauen “benachteiligt”, ist das Ergebnis größer als 1, dann sind die Männer “benachteiligt”. Für Deutschland kommen sie so auf einen Wert von 0,778. Schauen wir uns also mal die Ergebnisse für Deutschland im Detail an:

Quelle: World Economic Forum, Global Gender Gap Report 2017; http://reports.weforum.org/global-gender-gap-report-2017/dataexplorer/#economy=DEU

Zunächst fällt schon mal die Unterkategorie “Wage equality for similar work (survey)” auf. Hier wird wieder mal der falsche Gender Pay Gap angesetzt. Diesmal sogar mit 32%. Richtige komisch wirds dann bei “Professional and technical workers”. Hier kommen sie auf ein Verhältnis von 1,06. In die Mittelwertberechnung fließt diese Unterkategorie aber mit 1,0 ein. Mit anderen Worten: Bereiche in denen Frauen überrepräsentiert sind, werden als ausgeglichen angesehen. Was hier auch gleich auffällt ist, dass die verschiedenen Unterkategorien einer Kategorie nicht gleich gewichtet werden. Im Wirtschaftsbereich wird der “Gender Pay Gap” mit 0,310 gewichtet (statt 0,2). Begründet wird dies mit der Wichtigkeit und der Standardabweichung der Unterkategorie. Alles in allem eine recht willkürliche Festlegung.

Im Gesundheitsbereich werden zwei Bereiche untersucht: Geburtenrate und Lebenserwartung. Aus biologischen Gründen werden etwas mehr Männer als Frauen geboren. Das Verhältnis bei der Geburt liegt bei 1,05:1. Es ist also recht sinnfrei dies mit in die Berechnung aufzunehmen, da es, wie gesagt, biologische Gründe hat. Man könnte höchstens die Abweichung von diesem Verhältnis mit berücksichtigen, da in manchen Ländern überproportional viele Mädchen abgetrieben werden. Ab ca. 55 Jahren dreht sich dieses Verhältnis dann auch zugunsten der Frauen. Wodurch wir auch gleich zum nächsten Wert kommen: Der Lebenserwartung. Diese wird mit 72,8 Jahren für Frauen und 69,7 Jahren für Männer angegeben. Dies ergibt somit einen Score von 1,05. Dem ein oder anderen wird aufgefallen sein, dass diese Werte recht niedrig sind. Das Statistische Bundesamt gibt die Lebenserwartung mit 88,8 Jahren für Frauen und 84,8 Jahren für Männer an. Dies liegt daran, dass sie im Report nicht die eigentliche Lebenserwartung nehmen, sondern die Anzahl der Jahre ohne Krankheit:

This measure provides an estimate of the number of years that women and men can expect to live in good health by taking into account the years lost to violence, disease, malnutrition and other relevant factors.

Wie man das statistisch erfassen will, ist mir allerdings nicht so klar. Für Deutschland ändert dies nichts am Score, ist aber zumindest diskussionswürdig. Um den Gesamtscore für den Gesundheitsbereich zu berechnen wird die Geburtsrate noch mit 69,31% (warum eigentlich genau 69,31%?) in der Mittelwertsberechnung gewichtet. Deshalb kommen sie im Bericht auch auf 0,975 statt auf 0,9945.

Insgesamt ist die Gewichtung und die Auswahl der einzelnen Bereiche doch sehr fragwürdig. Auch lassen die ermittelten Werten keinen Rückschluss auf die Gleichberechtigung oder die Chancengleichheit zu. Insgesamt finde ich die Vorgehensweise nicht sehr wissenschaftlich und deshalb sind die Aussagen des Berichts mit sehr viel Vorsicht zu genießen. Einen Kommentar über die Qualität des Artikels auf zeit-online erspare ich mir an dieser Stelle einmal. Es lohnt sich aber mal auf die Website der Autorin zu schauen. Wie man anhand ihrer Bücher und angebotenen Trainings erkennen kann, hat sie einen wirtschaftlichen Vorteil von solchen Meldungen. Dies beeinflusst sicher nicht ihre Objektivität, hinterlässt aber Fragen.

 


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