Doppelte KV-Beiträge bei Betriebsrenten – Betrug an den Rentnern?

Schon seit 15 Jahren gibt es das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMG). In diesem ist unter Anderem geregelt, dass bei Betriebsrenten die vollen Krankenversicherungs- und Pflegebeiträge zu zahlen sind. Also nicht nur der Arbeitnehmeranteil, sondern auch der Arbeitgeberanteil. Diese Regelung gilt auch für Altverträge. Die Mehrbelastung von Betriebsrentnern beträgt zur Zeit ungefähr 3 Milliarden Euro pro Jahr. Jens Spahn (CDU) wollte diese Doppelbelastung jüngst abschaffen und nur noch den Arbeitnehmeranteil der KV von der Betriebsrente abziehen. Sowohl Olaf Scholz (SPD) als auch Angela Merkel (CDU) haben diesem Vorhaben eine Absage erteilt.

In Blogs, den sozialen Medien und Zeitungen wird jetzt fleißig über diese Regelung geschimpft. Die Altersvorsorge würde dadurch geschwächt. Aber ist die Kritik berechtigt?

Was mich an der Sache schon 2004 gestört hat ist, dass die Regelung auch für Altverträge gilt. Die Politik hat damals gezeigt, dass auf sie kein Verlass ist und man nicht darauf vertrauen kann, dass wenn man heute einen Vertrag abschließt, auch morgen die selben Rahmenbedingungen herrschen. Dies macht besonders langfristige Verträge sehr unsicher, was bei der Rentenvorsorge natürlich ein schlechtes Zeichen ist. Der Fehler ist aber schon 2004 gemacht worden.

Bewertung der doppelten KV-Beiträge

Was ist jetzt aber sachlich von der doppelten Belastung durch die KV-Beiträge zu halten? Beiträge zu Betriebsrenten werden vom Bruttolohn abgezogen. Auf diese wurden somit keine Sozialversicherungsbeiträge (SV-Beiträge) und auch keine Steuern gezahlt. Für den Arbeitgeber (AG) hat dies den Vorteil, dass er seinen Anteil der SV-Beiträge einspart und für den Arbeitnehmer (AN), dass er einen höheren Betrag in die Altersvorsorge einzahlen kann, als wenn er es vom Nettolohn bezahlt. Er spart auf diesem Weg außerdem zunächst Steuern und Sozialabgaben. Der Krankenversicherung entgehen somit erst einmal Beiträge. Es ist daher nachvollziehbar, dass später dann die vollen Beiträge fällig werden. Hier ist natürlich dann der Nachteil, dass der Rentner sowohl den AN- als auch den AG-Anteil übernehmen muss. Letztendlich bezahlt also der Rentner die Entlastung der Arbeitgeber.

Für eine Modellrechnung nehmen wir nun mal an, dass ein Betriebsrentner 30 Jahre lang in eine Versicherung eingezahlt hat und zwar 100€ monatlich von seinem Bruttolohn. Bei einem Beitragssatz von 15% für die KV, hat er also 7,50€ pro Monat weniger Beiträge gezahlt (der AG entsprechend auch 7,50€). Bei einer Rendite von 3% hat er somit nach 30 Jahren 58.273,69€. Als Betriebsrentner muss er 14,6% KV-Beiträge zahlen. Nach Abzug dieser hat er somit noch 49.765,73€. Nimmt er stattdessen seinen Nettolohn und zahlt jeden Monat 92,50€ ein, hat er nach 30 Jahren ein Vermögen von 53.903,16€. Er hat also knapp 4.200€ mehr als der Betriebsrentner. Müsste der Betriebsrentner nur den halben Beitragssatz bezahlen, hätte er 175€ mehr als der Rentner, der die Beiträge vom Nettolohn gezahlt hat.

Durch die doppelten KV-Beiträge werden somit die Gewinne durch den Zinseszins-Effekt deutlich aufgezehrt. Betriebsrentner werden also bei den KV-Beiträgen deutlich schlechter gestellt. In dieser einfachen Modellrechnung habe ich aber noch nicht die Steuerersparnis und eventuell anfallende Steuern im Rentenalter mit berücksichtigt. Die Modellrechnung soll vielmehr die prinzipiellen Unterschiede zwischen beiden Modellen deutlich machen.

Sonderfall Direktversicherung

Die ganze Zeit ging es um die klassische Betriebsrente (der AN zahlt von seinem Bruttolohn in eine Betriebsrentenversicherung ein). Daneben gibt es aber auch noch sogenannte Direktversicherungen, die vom Nettolohn bezahlt wurden. Der Vertrag wurde wie bei den Betriebsrenten über den Arbeitgeber abgeschlossen und dieser führte automatisch den Beitrag ab. Diese Versicherungen werden nun auch als Betriebsrenten gewertet. Was zur Folge hat, dass drei Mal der AN-Anteil zur KV fällig wird: Zunächst beim Erhalt des Lohns und dann doppelt bei der Auszahlung der Rente. Diese Rentner sind noch schlechter gestellt, als die normalen Betriebsrentner.

Fazit

Letztlich kann man nur sagen, dass der Staat immer am längeren Hebel sitzt und die heute beste Altersvorsorge in Zukunft unrentabel sein kann. Dies gilt auch für ETFs oder andere Anlageformen. Mein persönliches Fazit ist somit: Möglichst einfache Anlageformen und möglichst breit diversifizieren. Und auf keinen Fall darauf vertrauen, dass der Staat die Regeln nicht zu meinen Ungunsten verändert, so traurig das auch ist. Außerdem zeigt das Beispiel der Direktversicherungen, dass eine Mischung von zwei Welten (hier die klassische private Rentenversicherung und die Betriebsrente) meist nicht vom Vorteil ist.


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Ein Kommentar

  1. Der Betrug bei der Betriebsrente schreit zum Himmel. Die Schwarzroten tragen die Verantwortung hierfür. Hoffentlich bekommen sie die verdiente Quittung bei den nächsten Wahlen. Sapere aude!

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