Das christliche Abendland

Die AfD proglamiert es für sich, Pegida haben es in ihrem Slogan und die CDU möchte es gern wieder vertreten: Das christliche Abendland. Spätestens durch Pegida wurde die Verteidigung des christlichen (manchmal auch christlich-jüdischen) Abendlandes propagiert. Was macht jetzt dieses Abendland aus, was sind seine Werte? Und gibt es das überhaupt noch? Ist die AfD wirklich der wahre Vertreter dieses Abendlandes? Dieser Blogartikel soll etwas Licht in das Dunkel bringen.

Bewahrer des Christentums oder der Tradition?

In Gesprächen und durch Verlautbarungen von Abendlandsverteidigern hat sich bei mir in den letzten Jahren aufgedrängt, dass es eigentlich gar nicht um das christliche im Abendland geht, sondern mehr um die Traditionen die bestehen und die Angst vor Veränderungen. Wenn ein Weihnachtsmarkt in Wintermarkt umbenannt wird, dann ist der Stein des Anstoßes primär nicht die Entfernung des Bezugs zu einem christlichen Fest, sondern der Bruch mit einer Tradition. Viele, die ihre Stimme in diesem Fall erheben, dürfte Weihnachten als christliches Erinnerungsfest für die Geburt von Jesus (und nicht als Familienfeier mit Geschenkaustausch) ziemlich egal sein. Dies setzt sich dann bei anderen Festen fort.

Dies passt auch irgendwie zu der Erkenntnis, dass besonders viele Konfessionslose die AfD wählen:

So wählten bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt jeweils rund 17 Prozent der katholischen wie der protestantischen Wähler die AfD, aber fast 27 Prozent der Konfessionslosen. […] Eine Umfrage vom Herbst vergangenen Jahres ermittelte bei 1103 AfD-Anhängern eine Quote der Konfessionslosen von 54 Prozent – das sind 20 Prozent mehr als der entsprechende Anteil unter allen Deutschen.

Gauland gibt auch selbst zu, dass es ihm eigentlich nicht um die Verteidigung des Christentums oder seines Inhalts geht, sondern nur um die Tradition und eine diffuses Bild was für Werte für Deutschland ausschlaggebend sind:

„Wir wollen nicht das Christentum im religiösen Sinne verteidigen.“ Die Wähler der AfD wollten, dass man für „ihr SoSein“ kämpfe. Für alles, „was man von den Vätern ererbt“ habe. Das schließt zwar das materiell Ererbte nicht aus, zielt aber eher am Rande darauf. Gemeint sind vor allem Lebensformen und Traditionen. „Das Christentum ist dafür dann eine Metapher“, sagt Gauland.

Bei der AfD geht es also nicht um die Verteidigung des christlichen Abendlandes, sondern um die Bewahrung dessen was da ist oder zumindest gefühlt da war. Das davon manche Sachen etwas mit dem Christentum zu tun haben spielt eigentlich keine Rolle (eine Ausnahme mag die Vereinigung “Christen in der AfD” (ChrAfD) sein). Wenn man nach christlichen Werten sucht und wissen möchte was eigentlich das christliche Abendland ausmacht (oder ausgemacht hat), dann ist das Parteiprogramm der AfD keine ausreichende Quelle.

Wesentliche christliche Werte

Um zu verstehen was das christliche Abendland eigentlich ist (oder vielleicht auch nie war), muss man sich mit den christlichen Werten auseinander setzen. Das Christentum sieht nämlich keine spezielle Gesellschaftsordnung oder politische Struktur vor, sondern handelt von der Eigenverantwortung des Individuums, welches Einfluss auf die Gesellschaft nimmt und diese formt. Jesus wurde auch einmal gefragt, was das Wesen den Judentums ist. Worauf kommt es am Meisten an? Er antwortete (Matth. 20, 37-40):

Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.” In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Jesus hat hier in zwei grundlegenden Sätzen das Fundament des Christentum beschrieben. Dieses Fundament ist die Basis für das was wir Werte nennen und deren Folge wir in den Gesetzen (z.B. in den 10 Geboten) nachlesen können. Schlagworte in diesem Zusammenhang sind Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Recht. Aber auch die christliche Soziallehre (sie beschreibt die soziale Verantwortung des Einzelnen für die Gesellschaft), das Recht auf Leben und der Schutz der Familie sind zentrale Bestandteile des christlichen Werteverständnisses.

Ist Deutschland noch ein christliches Land?

Wenn wir über ein christliches Land reden (gemessen an den christlichen Werten), dann gibt es hier zwei Dimensionen die betrachtet werden müssen: Die persönliche Dimension der Bürger und die politische Dimension.

Kann ein Land christlich sein, wenn die Politik zwar christliche Werte umsetzt (und das vielleicht noch nicht mal aus einer christlichen Überzeugung heraus), aber das Volk nichts mit dem Christentum am Hut hat? Ich denke nein. Die grundlegenden Werte für politische Entscheidungen können durchaus humanistischer oder einer anderen philosophischen Richtung angehörig sein und dennoch zu, im christlichen Sinne, vertretbaren Entscheidungen führen. Ein Land wird erst christlich wenn seine Bürger nach christlichen Maßstäben leben (nicht nur nach Traditionen). Hier rückt der oben zitierte Satz von Jesus wieder in das Zentrum. Eine solche christliche Einstellung hätte dann auch automatisch Auswirkung auf die Politik und die getroffenen Entscheidungen.

Ein Indikator, der für die Verbundenheit der Bevölkerung mit dem Christentum gerne herangezogen wird, ist der Anteil der Menschen die Mitglied in einer der beiden großen Kirchen sind. Dies kann ein Hinweis sein, wird es aber in den meisten Fällen nicht sein. Wenngleich es den Kirchen mehr Macht der Politik gegenüber gibt, um die Verwirklichung christlicher Werte einzufordern. Es ist natürlich nicht gesagt, dass die Kirchen entsprechend handeln (siehe die Synode der EKD). Aber schon nach diesem Kriterium wären nur noch acht von 16 Bundesländer christlich. War also (West-)Deutschland in der Zeit um 1960 ein besonders christliches Land, da damals 96,6% Mitglied in einer der beiden großen Kirchen waren? War die DDR 1970 noch christlich weil noch über 50% Mitglied einer Kirche waren? Ich meine das die Mitgliedschaft zwar ein Indiz sein kann, aber letztendlich nicht viel aussagt.

Vielmehr taugt hier die Anzahl der Gottesdienstbesucher mehr. Nur ca. 23% der Deutschen gehen noch mindestens 1x im Monat in den Gottesdienst. 31% geben an, dass sie nie einen Gottesdienst besuchen. Und immerhin 52% sagen, dass Religion nicht wichtig ist. Kann man hier noch von einem christlichen Land reden?

Umsetzung in der Gesellschaft und in konkrete Politik

Wie ist schon ausgeführt habe, ist das Leben von christlichen Werten zunächst einmal eine persönliche Sache. Der Umgang mit anderen Menschen und die persönliche Einstellung zu politischen und sozialen Fragen sind ein Ausdruck meiner Werte. Was ist aber christliche Politik? Ich würde eine Politik christlich nennen, die auch ihren politischen Gegner respektiert und versucht seinen Standpunkt zu verstehen. Christliche Politik ist auf die Schwachen in der Gesellschaft ausgerichtet und versucht ihnen zu helfen, ohne sie zu bevormunden. Es gibt aber nicht die christliche Politik. Es kann nur Politik geben, die sich auch den christlichen Werten ableitet. So heißt den Schwachen zu helfen, unter anderem dass wir uns um Flüchtlinge kümmern sollen. Im Grundgesetz hat dies eine Entsprechung im entsprechenden Paragraphen bekommen. Es heißt aber nicht, dass wenn wir merken das das Asylrecht missbraucht wird, wir einfach wegschauen sollen.

Im Rahmen der christlichen Soziallehre wurde ein Versuch gemacht, anhand der christlichen Werte eine Rahmen für Sozialpolitik zu schaffen. Die drei Prinzipien sind:

  • Personalität (Menschenbild der unantastbaren Würde eines jeden Menschen)
  • Solidarität (Sozialprinzip des mitmenschlichen Zusammenhalts)
  • Subsidiarität (Sozialprinzip der Verantwortlichkeit und Selbsthilfe der kleineren gesellschaftlichen Einheiten, beginnend bei der Familie)

Zusätzlich kommen dazu noch die Prinzipien des Gemeinwohls und der Nachhaltigkeit.

Aus diesen Prinzipien folgen dann konkrete Umsetzungen und Standpunkte. So folgt zum Beispiel aus der Personalität der Verbot von Abtreibung und die Förderung behinderter Menschen. Aus der Solidarität die Versorgung von alten Menschen und die Aufnahme von Flüchtlingen. Und das Subsidiaritätsprinzip fördert die Übernahme von Verantwortung in der Familie zum Beispiel bei der Pflege.

Der Wertewandel an drei Beispielen

Bei diesen Zahlen ist es nur folgerichtig, dass sich auch die Politik ändert und sich weg von den christlichen Wurzeln bewegt (so sehr ich dies auch bedaure). Diesen Wertewandel kann man besonders gut an dem Verhalten von Individuen, bzw. der gesellschaftlichen Akzeptanz dieses Verhaltens ablesen. In einer EU-weiten Umfrage nach den wichtigsten persönlichen Werten, landete die Religionsfreiheit auf dem letzten Platz. Toleranz hingegen wird von 15% der Befragten genannt. Dabei ist interessant, dass sowohl die Zustimmung zu einem Konzept der Toleranz als Grundwert als auch die Bedeutung des Begriffes einen Wandel erfahren haben. Toleranz bedeutet heute eben nicht mehr die Akzeptanz anderer Meinungen, Vorstellungen und Weltanschauungen, sondern die Verteidigung der eigenen Entwürfe gegen “die anderen”. Innerhalb dieses Konstruktes gibt es ein Spektrum an Meinungen die erlaubt sind. Alles was sich außerhalb dieses Spektrums befindet wird mit dem Etikett “Intolerant” versehen und darf bekämpft werden. Dieser Kampf kann explizit den Einsatz von wenig toleranten Mitteln erlauben. Jüngstes Beispiel ist die Verurteilung Matt Damon. Trotz seines vorbildlichen und angepassten Lebenswandels ist er Ziel von feministischen Anfeindungen geworden. Und das nur, weil er nicht uneingeschränkte Unterstützung der #Metoo-Kampagne signalisiert hat.

Was wir hier sehen ist eine Umdeutung von Werten durch Akteure aus dem linken Spektrum. Aber auch der rechte Rand arbeitet mit diesen Mitteln. Meinungsfreiheit ist für diese Vertreter nicht die Freiheit die eigene Meinung zu sagen, sondern das Recht keinen(!) Widerspruch zur eigenen Meinung zu erfahren. Jeder Widerspruch zur eigenen Meinung wird sofort als Unterdrückung der Meinungsfreiheit ausgelegt. Eine offene Diskussion wird so unmöglich gemacht. Auf der anderen Seite wird das Niederbrüllen vom politischen Gegner als legitimes Mittel der Meinungsäußerung gesehen (z.B. bei den Auftritten von Angela Merkel im Wahlkampf). Gut konnte man dies auch bei der Demo in Chemnitz beobachten, von der ich berichtet habe.

Die beiden letzten Beispiele zeigen gut die Veränderung des Inhalts von Wertebegriffen auf. Ein weiteres Beispiel ist die Abtreibungsfrage. Hier wird der Wert der Selbstbestimmung der Mutter überhöht und über das Recht des ungeborenen Kindes auf Leben gestellt. Vereinfacht gesprochen wird mit dieser Verschiebung der Werte ein Recht konstruiert, dass einem Individuum das Recht gibt das Leben eines anderen Individuums zu beenden. Dies aber nicht auf Grund einer Verfehlung dieses Individuums (also als Strafe oder Sühne), sondern einzig und allein auf Grund einer egoistischen Abwägung. Interessant ist dies auch, da ca. 76% der Deutschen gegen die Todesstrafe sind, aber immerhin 41,4% die grundlose Abtreibung befürworten. Es gibt somit eine erhebliche Zahl von Menschen, die das Recht auf Leben sehr selektiv zuerkennen.

Zurück zu den alten Werten – geht das?

Nach diesen Beispielen könnte man jetzt natürlich argumentieren, dass es dann ja nur folgerichtig ist, wenn eine Partei gewählt wird, die die Rückkehr zu alten Zeiten und Werten verspricht. Wie aber weiter oben schon ausgeführt, geht es der AfD nicht um eine Umkehr aus einer inneren Überzeugung heraus, sondern um eine Kopie der alten Zustände. Ein solches Vorgehen wird früher oder später scheitern und sich in den Entscheidungen von den eigentlichen Werten entfernen und der gesellschaftlichen Beliebigkeit aussetzt. Einen Klon der Entscheidungen, die aus christlichen Werten heraus gefallen sind, garantiert in keinster Weise die Beachtung dieser Werte in der Zukunft.

Die einzige realistische Chance die ich sehe ist, dass sich eine Mehrheit wieder dem christlichen Glauben zuwendet und als relevante Größe in ihren Leben versteht. Dann verändern sich auch die politischen Entscheidungen. Dies liegt aber weder im Interesse des rechten noch des linken politischen Spektrums. Beide Seiten leben von einer Schwächung des Christentums zur Durchsetzung ihrer politischer Ideen und Werte.

Fazit

Die Frage nach dem christlichen Abendland ist für mich zunächst eine Frage nach dem persönlichen Glauben der Bürger des Landes. Dieser Glaube verändert ein Land und macht es zu einem christlichen Land. Ohne diese Basis kann die Politik zwar die Entscheidungen einer christlichen Zeit imitieren, sie wird aber keine Antworten auf neue Herausforderungen und Fragen haben. Ein solches Land ist vielleicht ein konservatives und traditionsbewusstes Land, aber eben kein christliches.

 


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