Coronamaßnahmen – Alles Alternativlos?

Coronavirus

Seit mehreren Monaten sind die Zeitungen und Onlineblätter voll von Corona. Es gibt Corona-Ticker, Podcasts, Pressekonferenzen und vieles mehr. Da sollte man doch meinen, dass die meisten einen guten Überblick über die Lage haben. Aber habt ihr schon mal etwas von der „Great Barrington Erklärung“ gehört? Nein? In dieser Erklärung werden die negativen Folgen der derzeitigen Coronamaßnahmen beleuchtet und eine alternative Herangehensweise vorgeschlagen.

Nun könnte man ja sagen, dass diese Erklärung sicherlich von komischen Leuten verfasst wurde, die keine Ahnung von der Materie haben. In Berlin haben sich ja neulich einige davon getroffen. Hier ist die Situation aber eine andere. Die Erklärung wurde von Dr. Martin Kulldorff (Professor der Medizin in Harvard), Dr. Sunetra Gupta (Professor in Oxford, Epidemiologe) und Dr. Jay Bhattacharya (Professor in Stanford) verfasst. Also durchaus respektable Persönlichkeiten aus der Wissenschaft. Mittlerweile haben über 90.000 Personen die Erklärung mit unterschrieben.

Zwei Sachen finde ich in Bezug auf die Erklärung interessant, die ich im Folgenden näher beleuchten möchte: Zunächst einmal die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Erklärung und dann die fehlende Auseinandersetzung mit diesen Argumenten in der deutschen Medienöffentlichkeit.

Die negativen Folgen der Coronamaßnahmen

In ihrer Erklärung machen die Wissenschaftler auf die negativen Folgen der Maßnahmen gegen die Coronapandemie aufmerksam. Sie sorgen sich vor allem um die psychischen Folgeerkrankungen, die durch einen Lockdown und die soziale Isolation entstehen können. Sie sorgen sich aber auch um physische Erkrankungen und eine niedrige Impfrate bei Kleinkindern.

Besonders auf die ersten Folgen möchte ich gerne etwas näher eingehen. Im Moment ist es doch so, dass durch die Abstandsregeln, den Mundschutz und die Kontaktreduzierung das soziale Leben doch deutlich zurückgefahren wurde. Man hält mehr Abstand im normalen Leben. Manch einem wird das nicht weiter stören. Aber die Gruppen, die schon vor der Pandemie wenige soziale Kontakte hatten, drohen nun weiter zu vereinsamen. Dabei trifft es nicht nur die Menschen in Alten- und Pflegeheimen, sondern auch jüngere Menschen, die auf soziale Kontakte z.B. in Kirchen und Vereinen angewiesen sind.

Diese Folgeerkrankungen lassen sich natürlich nicht so schön an einer täglich aktualisierten Zahl ablesen, wie die Anzahl der Infizierten. Wenige werden die vereinsamten Senioren in den Heimen sehen oder den jungen Menschen, der sich vor lauter Angst vor seiner Umwelt abschottet. Dies ist nämlich auch eine Auswirkung davon, wie mit der Pandemie umgegangen wird. Viele Menschen haben schlicht große Angst vor dem Virus, selbst wenn sie nicht zu einer Risikogruppe gehören. Und auch dieses Leben in Angst hat langfristige Folgen für die Menschen.

Natürlich kann man jetzt nicht einfach sagen, dass die Maßnahmen der Regierung schlecht sind, weil sie negative Begleiterscheinungen haben. Egal wie man in einer Pandemie handelt, es wird immer Positives und Negatives bewirken. Alle Vorschläge, die bisher gemacht wurden, haben ihre Schattenseiten. Man kann die Vor- aber auch die Nachteile von unterschiedlichen Vorgehensweisen gut in den verschiedenen Ländern nachvollziehen. Hier finde ich nur wichtig, dass von allen Seiten diese negativen Folgen auch angesprochen werden, denn da sind sie.

Die vorgeschlagenen Maßnahmen

In der Erklärung wird auch gleich eine alternative Herangehensweise vorgeschlagen. Sie nennen es Focused Protection. Wie der Name es schon erahnen lässt, geht es bei der Methode darum, besonders gefährdete Personengruppen zu schützen, den anderen aber ein möglichst normales Leben zu ermöglichen, bis eine Herdenimmunität erreicht ist. Grundlage dieser Idee ist, dass das Sterberisiko bei jungen Menschen um ein Vielfaches niedriger ist, wie bei Älteren. Die letztere Gruppe muss also besonders geschützt werden, während die erste Gruppe diesen besonderen Schutz nicht bedarf.

Dieser Vorschlag hat den Charme, dass er ein weitgehend normales Leben für einen Großteil der Bevölkerung ermöglicht. Ein besonderes Augenmerk muss hierbei natürlich auf den Schutz von Risikogruppen gelegt werden.

Dieser Vorschlag hat natürlich auch Nachteile. Zum einen ist hier das Risiko, dass sich das Virus unkontrolliert ausbreitet und relativ viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken. Dies könnte die Krankenhäuser überlasten. Zum anderen besteht natürlich die Gefahr, dass bei einer hohen Anzahl von Infizierten, die Risikogruppen nicht mehr ausreichend geschützt werden können und es damit zu einer hohen Anzahl von Toten kommt.

Letztlich kann dies aber auch mit den aktuellen AHA-Regeln und den sonstigen Beschränkungen passieren. Die derzeitigen Zahlen gehen ja trotz der ganzen Einschränkungen deutlich nach oben. Dagegen stehen aber auf der positiven Seite, dass neben den wirtschaftlichen Vorteilen, auch die negativen Auswirkungen von Kontaktbeschränkungen und Lockdown wegfallen. Es ist also eine Abwägungsfrage, welches Modell man bevorzugt und welche Vor- und Nachteile man wie gewichtet.

Die fehlende mediale Auseinandersetzung

Es wäre natürlich jetzt ein leichtes wieder auf “die Medien” einzuschlagen, die die angesprochene Erklärung bisher weitesgehend ignorieren. Bis auf ein paar kleine Portale, hat noch niemand in Deutschland über diese Erklärung berichtet. Jetzt könnte man dies natürlich als Einzelfall abtun, aber leider lässt schon die ganze Zeit der Hauptteil der Presselandschaft eine Ausgewogenheit vermissen – auch die Organe der Coronakritiker. Es gibt so gut wie niemanden, der ausgewogen über verschiedene Herangehensweisen berichtet. Dabei kommt durchaus Kritik an der Regierung und ihrem Kurs auf, aber eben nicht an dem prinzipiell eingeschlagenen Weg.

Das Ignorieren der Great Barrington Erklärung ist da nur ein weiteres Puzzleteil. Dabei wäre doch eine offene Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen sowie den Auswirkungen der verschiedenen Modelle durchaus nötig. Nur dadurch kann man die nötige Akzeptanz für die Maßnahmen in der Bevölkerung erreichen. Natürlich kann ich auch versuchen die Maßnahmen mit Strafen durchzusetzen, nehme dann aber in Kauf, dass sie von der Bevölkerung an vielen Stellen unterlaufen werden. Bestes Beispiel sind doch die Masken, die unter der Nase getragen werden und damit im Prinzip nutzlos sind.

Die fehlende offene Diskussion kann man natürlich nicht nur der Presse anlasten. Schaut man in die Kommentarspalten, stellt man recht schnell fest, dass hier der Ton recht schnell entgleist. Da wird der Gegenseite schon mal schnell ein toter Verwandter gewünscht, damit dieser seine Meinung ändert. Die ein oder andere politische Partei hat sicher zu dieser Polemisierung beigetragen, letztlich ist es aber schon ein Armutszeugnis für uns als Gesellschaft, dass wir hier nicht zivilisierter miteinander umgehen.

Im Folgenden findet ihr noch die Great Barrington Erklärung in ihrem Wortlaut. Falls ihr sie auch unterschreiben wollt, könnt ihr dies auf der Website der Erklärung tun.

Die Erklärung im Wortlaut

Als Epidemiologen für Infektionskrankheiten und Wissenschaftler im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens haben wir ernste Bedenken hinsichtlich der schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden COVID-19-Maßnahmen auf die physische und psychische Gesundheit und empfehlen einen Ansatz, den wir gezielten Schutz (Focused Protection) nennen.
Wir kommen politisch sowohl von links als auch von rechts und aus der ganzen Welt und haben unsere berufliche Laufbahn dem Schutz der Menschen gewidmet. Die derzeitige Lockdown-Politik hat kurz- und langfristig verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit. Zu den Ergebnissen, um nur einige zu nennen, gehören niedrigere Impfraten bei Kindern, schlechtere Verläufe bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weniger Krebsvorsorgeuntersuchungen und eine Verschlechterung der psychischen Verfassung – was in den kommenden Jahren zu einer erhöhten Übersterblichkeit führen wird. Die Arbeiterklasse und die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft werden dabei am schlimmsten betroffen sein. Schüler von der Schule fernzuhalten, ist eine schwerwiegende Ungerechtigkeit.
Die Beibehaltung dieser Maßnahmen bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, wird irreparablen Schaden verursachen, wobei die Unterprivilegierten unverhältnismäßig stark betroffen sind.
Glücklicherweise wachsen unsere Erkenntnisse über das Virus. Wir wissen, dass die Gefahr durch COVID-19 zu sterben bei alten und gebrechlichen Menschen mehr als tausendmal höher ist als bei jungen Menschen. Tatsächlich ist COVID-19 für Kinder weniger gefährlich als viele andere Leiden, einschließlich der Influenza.
In dem Maße, wie sich die Immunität in der Bevölkerung aufbaut, sinkt das Infektionsrisiko für alle – auch für die gefährdeten Personengruppen. Wir wissen, dass alle Populationen schließlich eine Herdenimmunität erreichen – d.h. den Punkt, an dem die Rate der Neuinfektionen stabil ist. Dies kann durch einen Impfstoff unterstützt werden, ist aber nicht davon abhängig. Unser Ziel sollte daher sein, die Mortalität und den sozialen Schaden zu minimieren, bis wir eine Herdenimmunität erreichen.
Der einfühlsamste Ansatz, bei dem Risiko und Nutzen des Erreichens einer Herdenimmunität gegeneinander abgewogen werden, besteht darin, denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen, damit sie durch natürliche Infektion eine Immunität gegen das Virus aufbauen können, während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden. Wir nennen dies gezielten Schutz (Focused Protection).
Die Verabschiedung von Maßnahmen zum Schutz der gefährdeten Personengruppen sollte das zentrale Ziel der Reaktionen des öffentlichen Gesundheitswesens auf COVID-19 sein. Zum Beispiel sollten Pflegeheime Personal mit erworbener Immunität einsetzen und häufige PCR-Tests bei anderen Mitarbeitern und allen Besuchern durchführen. Der Personalwechsel sollte minimiert werden. Menschen im Ruhestand, die zu Hause wohnen, sollten sich Lebensmittel und andere wichtige Dinge nach Hause liefern lassen. Wenn möglich, sollten sie Familienmitglieder eher draußen als drinnen treffen. Eine umfassende und detaillierte Reihe an Maßnahmen, darunter auch Maßnahmen für Mehrgenerationenhaushalte, kann umgesetzt werden und liegt im Rahmen der Möglichkeiten und Fähigkeiten des öffentlichen Gesundheitswesens.

Diejenigen, die nicht schutzbedürftig sind, sollten sofort wieder ein normales Leben führen dürfen. Einfache Hygienemaßnahmen wie Händewaschen und der Aufenthalt zu Hause im Krankheitsfall sollten von allen praktiziert werden, um den Schwellenwert für die Herdenimmunität zu senken. Schulen und Universitäten sollten für den Präsenzunterricht geöffnet sein. Außerschulische Aktivitäten, wie z. B. Sport, sollten wieder aufgenommen werden. Junge Erwachsene mit geringem Risiko sollten normal und nicht von zu Hause aus arbeiten. Restaurants und andere Geschäfte sollten öffnen können. Kunst, Musik, Sport und andere kulturelle Aktivitäten sollten wieder aufgenommen werden. Menschen, die stärker gefährdet sind, können teilnehmen, wenn sie dies wünschen, während die Gesellschaft als Ganzes den Schutz genießt, der den Schwachen durch diejenigen gewährt wird, die Herdenimmunität aufgebaut haben.

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