Brauchen wir eine neue Nationalhymne?

Noten

Von Zeit zu Zeit kommt die Diskussion über eine neue Nationalhymne immer wieder mal auf. Ungefähr vor einem Jahr ging es darum, die Hymne gendergerecht umzutexten. Jetzt meldet sich der Ministerpräsident von Thüringen Bodo Ramelow zu Wort und wünscht sich eine neue Hymne, mit der sich auch Ostdeutsche identifizieren können. Außerdem sieht er sich immer an die Naziaufmärsche erinnert, bei denen die erste Strophe der Deutschlandhymne gesungen wurde:

Ich singe die dritte Strophe unserer Nationalhymne mit, aber ich kann das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden. Viele Ostdeutsche singen die Hymne aber nicht mit und ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten.

Interview der “Rheinischen Post”, https://rp-online.de/politik/deutschland/thueringens-ministerpraesident-bodo-ramelow-wuenscht-sich-neue-nationalhymne-fuer-deutschland_aid-38648051

Um die Diskussion nachvollziehen zu können, sind ein paar Hintergrundinformationen zur Geschichte und dem gesamten Text nötig. Ich möchte deshalb zunächst darauf eingehen.

Kurzer geschichtlicher Abriss

“Das Lied der Deutschen” oder auch “Deutschlandlied” wurde von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 gedichtet. Auslöser für das Gedicht waren die damaligen Gebietsansprüche von Frankreich auf das Rheinland. Mit diesem Lied lehnte Fallersleben diese Ansprüche ab. Zu dieser Zeit entstanden auch noch weitere Lieder mit diesem Motiv. Erst 1922, zu Zeiten der Weimarer Republik, wurde das Lied mit allen drei Strophen durch den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert zur Nationalhymne bestimmt.

Zu Zeiten des Nationalsozialismus wurde nur die erste Strophe des Liedes gesungen. Sie beginnt mit der Zeile “Deutschland, Deutschland über alles”, was sehr gut in das nationalistische Konzept passte.

Auch nach dem zweiten Weltkrieg blieb das Lied der Deutschen mit allen drei Strophen die offizielle Hymne der Bundesrepublik. Allerdings wurde nur noch die dritte Strophe gesungen. Erst im Zuge der Wiedervereinigung wurde nur die dritte Strophe zur Nationalhymne erklärt. In dieser Zeit gab es auch schon die Diskussion, dass eine neue Hymne für das wiedervereinigte Deutschland angebracht wäre. Dies wurde aber verworfen, da das “Lied der Deutschen” die historische Hymne Deutschlands war und nicht nur von Westdeutschland.

Das Lied der Deutschen

Nun möchte ich noch kurz auf das ganze “Lied der Deutschen” eingehen. Doch zunächst einmal der Text:

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh’ im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!

Man merkt dem Text an, dass er in einer Zeit entstanden ist, in der der Nationalstaat eine besonders starke Bedeutung hatte. Schon der Beginn der ersten Strophe stellt eine Überhöhung der eigenen Nation über alle anderen Nationen dar, die uns heute sehr fremd sein dürfte und die nur von Nationalisten mitgesungen werden kann. Man muss aber eben auch beachten, in welcher Zeit dieser Text entstanden ist und welche historischen Rahmenbedingungen zu dieser Zeit geherrscht haben. Ich möchte damit nicht sagen, dass wir diese Strophe singen oder unterstützen sollten, sondern nur, dass wir sie mit einem historischen Auge lesen müssen.

Die angegebenen Flüsse stellten nur zum Teil Grenzen des Deutschen Bundes dar. In der nachfolgenden Abbildung ist dies gut zu sehen. Die Strophe stellte somit zugleich auch Gebietsansprüche, besonders gegenüber Frankreich. Was als Antwort auf die französischen Ansprüche damals zu sehen ist.

Von Mueck – like File:Map-DB-Frankfurt.svg from http://www.ieg-maps.uni-mainz.de, and: File:Deutscher Bund.png, File:Historisches deutsches Sprachgebiet.PNG, File:Continental West Germanic languages.png, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2759949

Die zweite Strophe erinnert ein bisschen an ein Trinklied und enthält, wenn man es mit einem zwinkernden Auge lesen kann, keine wirklich problematische Stelle. Wenn gleich ich diese Strophe für eine Nationalhymne nicht unbedingt geeignet finde.

Fazit

Brauchen wir jetzt also eine neue Hymne? Ist das Argument ausreichend, dass die Nazis die erste Strophe für ihre Zwecke missbraucht haben und heutige eher rechte Gesellen diese Strophe noch gern singen? Ich denke nicht. Sich der Geschichte der eigenen Nation bewusst sein heißt nicht sie zu vergessen, sondern sie einzuordnen und daraus zu lernen. Wir haben aus guten Gründen dem “Deutschland über alles”-Nationalismus eine Absage erteilt, deshalb ist die erste Strophe auch nicht unsere Hymne.

Nach einer Umfrage von Emnit können nur ca. 33% der Ostdeutschen die Hymne aufsagen (51% der Westdeutschen). Können sich Ostdeutsche also eher nicht mit der Hymne identifizieren, oder spielt sie schlicht keine Rolle in ihrem Leben und sie haben sie deshalb nie gelernt? Wäre da nicht ein Ansatz, die Hymne in der Schule mehr zu thematisieren?

Die dritte Strophe hingegen betont für mich gut, was Deutschland ausmacht. Wir sind ein Rechtsstaat, Menschen können hier in Freiheit leben und wir sind, seit der Wiedervereinigung, eine Nation. Ich bin deshalb für die Beibehaltung der dritten Strophe des “Lieds der Deutschen” als unsere Nationalhymne.

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