Armut in Deutschland

Alle Jahre wieder gibt es den Armutsbericht des paritätischen Verbandes. Die Aussage ist eigentlich immer: Es wird schlimmer und die Leute ärmer. Interessant ist aus meiner Sicht aber, wie der Verband Armut bemisst. Dazu wird der Median aller Haushaltseinkommen in Deutschland gebildet und davon 60% als Armutsschwelle angesetzt. Für einen Single bedeutet dies, dass er als arm gilt, wenn er weniger als 917 Euro im Monat einnimmt. Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kinder liegt der Betrag bei 1926 Euro (in die Berechnung fließen Gewichtsfaktoren ein, deshalb werden die 917€ nicht einfach mal vier genommen). Auf einige methodische Besonderheiten möchte ich hier einmal eingehen:

  1. Verwendung des Median. Das Durchschnittseinkommen wird mit dem Median berechnet. Der Median ist gegenüber Ausreißern weniger anfällig als das arithmetische Mittel. Nehmen wir zum Beispiel die folgenden Einkommen an: 700 €, 1.200 €, 1.700 €, 6.800 € und 10.000 €. Der Durchschnitt wären hier 4.080 €, der Median aber nur 1.700 €. Die so errechneten Armutsschwellen unterscheiden sich erheblich: 2.448€ zu 1.020€. Der Median würde sich aber auch nicht ändern, wenn folgende Einkommensverteilung vorlege: 200 €, 1.000 €, 1.700 €, 26.800 € und 100.000 €. Der Durchschnitt wäre hier aber 25.940€. Obwohl hier die Spreizung der Einkommen viel größer ist, bleibt die Armutsgrenze gleich. Wer unter die 60%-Grenze fällt, hängt nur von der Verteilung der unteren 50% der Einkommen ab. Die 60%-Grenze erlaubt also nur eine Aussage über die Verteilung der unteren Einkommen.
  2. Keine Berücksichtigung von Ausgaben. Im Armutsbericht werden nur die Haushaltseinkommen betrachtet, aber nicht die Ausgaben die damit gedeckt werden müssen. Dies hat zur Folge, dass zwar jemand der nach der 60%-Grenze nicht arm ist, trotzdem wegen hoher Lebenshaltungskosten kein Geld zur freien Verfügung hat. Jemand in einer anderen Region aber eben mit diesem Geld ganz gut leben kann. Genauso ist der umgekehrte Fall denkbar.
    Auch werden Preissteigerungen, zum Beispiel bei den Mieten oder den Lebensmitteln, nicht mit berücksichtigt. So kann der Fall eintreten, dass die Statistik sagt, das die Armut zurück gegangen ist, obwohl die Preise wesentlich stärker gestiegen sind als die Lohnzuwächse. Theoretisch sind sogar Situationen denkbar, in denen alle Haushalte wesentlich mehr Einnahmen haben, als sie zur Deckung ihres Lebensunterhalts benötigen, aber trotzdem 30% als arm gelten.
  3. Keine räumliche Differenzierung. Die Haushaltseinkommen und somit auch die Armutsschwelle wird für ganz Deutschland berechnet und nicht gesondert für einzelne Regionen. Einzelne Regionen in Deutschland unterscheiden sich teils erheblich in ihren Einkommen- und Ausgabenverteilungen. So sind kaum ländliche Regionen und Großstädte miteinander vergleichbar. Selbst zwischen Großstädten bestehen teilweise erhebliche Unterschiede.
  4. Die 60%-Grenze. Diese Grenze ist relativ willkürlich festgelegt worden. Andere Studien gehen von 40 oder 50 Prozent aus.
  5. Personengruppen. Einerseits werden einen ganze Reihe von Personengruppen in der Datenerhebung nicht mit erfasst, wie zum Beispiel Obdachlose oder Studenten in Studentenwohnheimen. Andererseits werden Besonderheiten einzelner Personengruppen nicht mit berücksichtigt. So haben Rentner höhere Ausgaben im Bereich Pflege und Gesundheit, Studenten hingegen profitieren direkt und indirekt sehr stark von Subventionen (günstiger Wohnraum, Semesterticket, BaFöG, …).

Besonders dadurch dass der Armutsbericht nur die Einkommen berücksichtigt, hat er meiner Meinung nach nur eine sehr begrenzte Aussagekraft. Die Definition von Armut nach der EU-Kommission lautet:

Arm sind danach alle, die über so geringe Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.

Deshalb ist eine Abkoppelung der Betrachtung  von den Ausgaben nicht zu rechtfertigen. Im Armutsbericht wird dies mit einer fehlenden Datenlage begründet. Dies ist meiner Meinung nach aber nur ein Vorwand, da sehr wohl Daten vorliegen und der paritätische Verband auch selbst Daten erheben könnte. Insgesamt muss man also feststellen, dass der Armutsbericht zwar einen Hinweis darauf gibt, wie viel Armut es in Deutschland gibt, er aber aufgrund von methodischen Mängeln nur eine sehr begrenzte Aussagekraft hat. Er eignet sich aber immerhin dazu schöne Schlagzeilen zu erzeugen. Das ist doch auch was…

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